Marderhund – zu Unrecht unbeliebt
In Japan gilt der Marderhund – hier Tanuki genannt – traditionell als Glücksbringer. In der Mythologie des Landes ist er das Symbol für einen Kobold, der die Gestalt verändern kann, sowie für Schalk, Wohlstand und Glück. Dementsprechend steht er laut dem Museum für Naturkunde Chemnitz vor vielen Restaurants und Geschäften als Willkommenssymbol – in Form einer bauchigen Keramikfigur. Auch in der angesagten japanischen Popkultur – den Animes und dem Nintendo-Spiel „Super Mario“ – wurden zentrale Charaktere als Tanuki angelegt.
In Deutschland und Mitteleuropa sieht das deutlich anders aus. Seit dem 20. Jahrhundert wurden die Tiere zur Pelzgewinnung in Osteuropa angesiedelt. Als Allesfresser, der sich stark vermehrt, breiteten sie sich schnell immer weiter gen Westen aus. Da der Marderhund durchaus auch Nester plündert, sehen Naturschützer eine Gefahr für Bodenbrüter und eine Konkurrenz für heimische Arten wie Fuchs und Dachs. Er wurde als invasive Art eingestuft.
Merkmale
Der Marderhund (lateinisch: Nyctereutes procyonoides) wird auch Enok genannt und gehört zur Familie der Hundeartigen. Sein Name ist irreführend, gleicht er vom Aussehen eher einem Waschbären oder Dachs als einem Hund. Er ist etwa 55 bis 70 Zentimeter groß, sein Schwanz misst 17 bis 28 Zentimeter. Sein durchschnittliches Gewicht liegt im Sommer bei drei bis sechs Kilogramm, im Winter bei bis zu zwölf Kilogramm! Durch seine Fettreserven und das dichte Winterfell wirkt er in der kalten Jahreszeit sehr kurzbeinig und kompakt.
Das graubraune Fell ist eher lang und struppig mit dichter Unterwolle und schwarz gefärbten Deckhaaren (Grannenhaaren) im Herbst, Winter und Frühling. Der relativ kleine Kopf ist laut Wildtierportal Bayern durch eine charakteristische dunkle Gesichtsmaske gekennzeichnet, die den Marderhund klar vom Waschbären unterscheidet: Zwischen den Augen ist sie durch einen hellen Streif und einen ausgeprägten Backenbart durchbrochen. Auch die Spitze der Schnauze ist weiß bis grau, die Nase jedoch schwarz. Die Ohren sind klein und rund und in dem langen und dichten Fell eher unauffällig.
Lebensraum und Nahrung
Ursprünglich waren Marderhunde in Südostasien und Russland beheimatet. Da ihr flauschiger Pelz begehrt war, wurden sie ab Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere zu Beginn der fünfziger Jahre, im europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion angesiedelt. Dabei hat man nicht beachtet, dass Marderhunde ausgesprochen anpassungsfähig und vermehrungsfreudig sind. Sie legen weite Strecken zurück, überqueren Gewässer und konnten sich so mühelos gen Norden und Westen ausbreiten.
In Deutschland wurde der Marderhund erstmals zu Beginn der sechziger Jahre nachgewiesen. Insbesondere in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern lebt mittlerweile eine große Anzahl an Tieren. Das ist nicht unumstritten: Sie gelten als gebietsfremd; es wird immer wieder befürchtet, dass sie heimische Arten verdrängen.
Außerdem wiesen mehrere Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt im Rahmen des Verbundprojektes ZOWIAC (Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren) eine potentielle Rolle bei der Verbreitung von Parasiten und Krankheitserregern auf andere Tiere und Menschen nach.
Als Lebensraum bevorzugt der Marderhund Wälder mit viel Unterholz und schilfreiche Uferböschungen. Auf offenen Feldflächen trifft man ihn eher selten an. Er gilt als Allesfresser, der tatsächlich alles frisst, was ihm vor die Schnauze kommt, z. B. kleine Tiere, Vögel, Maulwürfe, Fische, Frösche, Insekten, Pilze und Beeren, aber auch Aas und Abfälle. Er ist außerdem ein gelegentlicher Eierräuber, was z. B. in Möwenkolonien beobachtet wurde.
Lebensweise und Fortpflanzung
Marderhunde sind nachtaktiv und leben in Familienverbänden in verlassenen Fuchs- oder Dachsbauten. Diese nutzen sie auch für die Winterruhe und die Aufzucht ihrer Jungen. Nach der Fortpflanzungszeit zwischen Februar und April und einer Tragezeit von etwa 60 Tagen kommen hier fünf bis sieben Welpen zur Welt. Auch größere Würfe mit bis zu zwölf Welpen kommen gelegentlich vor. Der Nachwuchs ist ebenfalls bereits nach zehn Monaten geschlechtsreif. Diese Faktoren haben entscheidend zur Ausbreitung des Marderhundes in Europa beigetragen.
Marderhunde sind monogam und ziehen ihre Welpen gemeinsam und gleichberechtigt auf. Die Fähe säugt sie etwa 40 bis 50 Tage lang, danach gehen sie zu fester Nahrung über. Im Herbst verlassen die Welpen den Familienverband und suchen sich ein eigenes Revier in bis zu 100 Kilometer Entfernung. Sobald sie einen Bau gefunden haben, richten sie sich ein. Die Schlafkammern polstern sie mit Gras aus, um in sehr kalten Wintern eine Winterruhe halten zu können. Marderhunde werden etwa sechs bis sieben Jahre alt.
Gefährdung und Gefahren
Die großen Würfe sichern das Überleben der Marderhunde, denn Bestände werden auch durch Krankheiten wie Staupe oder Räude, Parasiten oder sehr kalte Winter reduziert. Marderhunde haben einige Fressfeinde, insbesondere größere Raubtiere. Bei drohender Gefahr stellen sie sich tot – was jedoch oft nicht die sicherste Schutzstrategie ist.
In Europa stellt der Mensch die größte Gefahr für den Marderhund dar. Für seinen Pelz wird er mittlerweile weniger gejagt; da er auf EU-Ebene als invasive Art gelistet ist, sollen die Bestände jedoch kontrolliert werden. In den meisten deutschen Bundesländern unterliegt er deswegen dem Jagdrecht. Auch dem Straßenverkehr fallen viele Tiere zum Opfer.