Amsel – Flötentöne in den Morgenstunden
Wer im heimischen Garten sitzt, muss meist nicht lange warten, bis eine Amsel (lateinisch: Turdus merula) vorbeischaut. Mit acht bis 9,5 Millionen Brutpaaren zählt sie zu den häufigsten Brutvögeln in Deutschland und hat sich dabei hervorragend an menschliche Lebensräume angepasst.
Noch im 19. Jahrhundert war die scheue Amsel im Wald zuhause, mit Beginn des 20. Jahrhunderts eroberte sie als ganzjähriger Standvogel nach und nach Siedlungen, Gärten, Parks, Streuobstwiesen und bepflanzte Bereiche in Industriegebieten. Sie ist heutzutage deutlich kecker und an die Gegenwart der Menschen gewöhnt; unbeeindruckt hüpft sie auch umher, wenn diese nicht allzu weit entfernt sind. Insbesondere im Frühjahr während der Balzzeit, wenn die Männchen die Weibchen beeindrucken wollen, ist ihr klarer, flötender Gesang deutlich zu vernehmen – bevorzugt in den frühen Morgenstunden und der Dämmerung.
Merkmale
Praktisch jedes Kind kennt sie: Amselmännchen mit ihrem schwarzen Federkleid und gelbem Schnabel. Weibchen und Jungvögel sind gut zu unterscheiden, sie sind unauffällig braun gefärbt. Kehle und Brustbereich sind etwas heller und braun gestrichelt. Beide Geschlechter sind etwa 25 Zentimeter groß und haben einen schmalen gelben Augenring. Eine Ausnahme sind weiße oder weiß-gefleckte Tiere. Sie sind fast nur in Städten zu sehen, da sie in der Natur leichte Beute für Fressfeinde wären. Amseln gehören zur Familie der Drosseln und heißen deswegen auch Schwarzdrosseln.
Amseln sind Sänger mit einem großen Repertoire an Lauten, Tönen und Melodien. Laut Avifauna haben Ornithologen über 100 verschiedene Gesangselemente dokumentiert. Charakteristisch ist der Balzgesang der Männchen im Frühjahr, der aus klaren Flötentönen, kurzem Zwitschern und kleinen Trillern besteht. Auch die Warnrufe sind eindringlich und, insbesondere wenn sie von mehreren Tieren kommen, sehr effektiv. Damit sollen andere Artgenossen rechtzeitig vor Gefahren gewarnt werden. Amseln haben Stimme und Gesang an ihren Lebensraum angepasst. In der Stadt hört man häufig lautere und höhere Frequenzen, die an den Umgebungslärm angepasst sind.
Lebensraum und Nahrung
Bis vor etwa 150 Jahren waren Amseln ausschließlich in Wäldern, insbesondere Laubwäldern, zuhause. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten die ersten Tiere in Siedlungen, Dörfer und Städte ab. Obwohl sie nach wie vor auch in Wäldern anzutreffen sind, haben sie sich sehr gut an den menschlichen Lebensraum angepasst. In Europa sind sie - außer im Südosten - das ganze Jahr heimisch.
Sie lassen sich nieder, wo sie ausreichend Gehölze und Rasenflächen finden, was ihnen auch in der Stadt ausreichend Möglichkeiten bietet. Rasen benötigen sie für die Suche nach Regenwürmern; sichtgeschützte Bäume, Sträucher und Hecken als Niststandort. Dafür eignen sich waagerechte Äste, dichtes Buschwerk und Kletterpflanzen. In der Stadt nutzen Amseln aber durchaus auch Balkone, Fenstersimse oder Gebäudenischen für den Nestbau.
Ihre Nahrung suchen Amseln vorwiegend hüpfend am Boden, im Wald auch unter Sträuchern und im Unterholz. Auf dem Speiseplan stehen Insekten, Larven, Spinnen, Würmer, Schnecken sowie kleine Wirbeltiere und junge Eidechsen. Regenwürmer spüren sie im Gras auf und erbeuten sie; sie benötigen sie als Proteinquelle für die Aufzucht ihrer Nestlinge. Beeren aller Art und Obst verschmähen sie ebenfalls nicht – so kann es durchaus passieren, dass der Kirschbaum oder Blaubeerstrauch im Garten von einem Tag auf den anderen komplett leergepickt ist.
Lebensweise und Fortpflanzung
Aus Zweigen, Halmen und Moos baut die Amsel ein Nest und formt dieses mit feuchtem Schlamm aus. Das Weibchen legt meist drei bis vier Eier, aus denen nach etwa zwei Wochen Brutzeit die Jungen schlüpfen. Diese werden nun noch einmal zwei Wochen lang gefüttert und sind dann flügge. Sie verlassen jedoch schon vorher zwischendurch das Nest und sitzen dann im Geäst. Hier verständigen sie sich mit leisen Pfeiflauten mit ihren Eltern. Laut BUND soll mit dieser Strategie verhindert werden, dass alle Jungtiere auf einmal potenziellen Fressfeinen zum Opfer fallen.
Amseln sind meist Einzelgänger und nur zur Brutzeit paarweise unterwegs. Während der Balzzeit rivalisieren die Männchen und kämpfen miteinander, um die Weibchen zu erobern. Amseln können über 20 Jahre alt werden.
Gefährdung und Gefahren
Generell gilt die Amsel als nicht gefährdet. Sie hat jedoch zahlreiche Fressfeinde, u. a. Katzen, Marder und Raubvögel. In verschiedenen Regionen Deutschlands wurde in den letzten Jahren ein Amselsterben verzeichnet, das auf das Usutu-Virus zurückzuführen ist. Dieses Virus stammt aus Südostafrika und wurde wahrscheinlich 1996 nach Europa eingeschleppt.
Es wird von Stechmücken auf Vögel übertragen. Obwohl nachweislich auch Eulen und Käuze, Kohl- und Blaumeisen, Singdrosseln und Haussperlinge erkranken können, waren in Deutschland größtenteils Amseln betroffen. Kranke Tiere fallen laut „waldwissen.net“ durch struppiges Gefieder am Hals und Kopf auf, verhalten sich auffällig, sind weniger scheu, taumeln und torkeln. 2010 gab es einen größeren Ausbruch in Südwestdeutschland, in den Jahren 2016 bis 2018 sowie 2024 starben in einigen Bundesländern ebenfalls auffällig viele Amseln. Allein 2018 wurden dem NABU über 25.000 betroffene Vögel gemeldet.